Über das Hören – Kritische Gedanken zu Klangqualität, Digitalisierung und datenreduzierter Musik
Alle Aufnahmen aus der Epoca de Oro waren Direktschnittaufnahmen, so, wie sie vom ganzen Orchester im Moment gespielt wurden. Es gab keine nachträglichen Bearbeitungsmöglichkeiten. Ein Spielfehler war ein Spielfehler, und er wurde 1:1 aufgenommen. Es spricht für das Können der damaligen Orchester, dass eine Aufnahme in der Regel im ersten Anlauf eingespielt werden konnte – ein zweites ‘Take‘ war selten, ein drittes die grosse Ausnahme (das können wir an den Matrixnummern ablesen).
Kenner sagen, dass der Frequenzgang einer gut erhaltenen Schellackplatte bis 14‘000 Hz reichen kann. Die Qualität jener Aufnahmen war in der Regel weit besser, als das, was uns an Transfers auf CD vorgesetzt wurde. Wenn viele CDs knistern oder einen massiv eingeschränkten Frequenzgang haben und schäbig klingen, so liegt das in erster Linie an schlecht gemachten Transfers und nicht etwa an einer mangelhaften Aufnahmetechnik. Die damalige technische Ausrüstung der Studios war High Tech und kosteten ein kleines Vermögen, und die Technik war in Argentinien genauso gut wie die in den Studios der USA oder in Europa.
Beim Tango argentino der EdO gab es nur akustische Instrumente, deshalb muss man von akustischen Aufnahmen sprechen. Gerade die akustische Musik der Epoca de Oro mit all ihren Feinheiten verlangt eine bestmögliche Wiedergabe. Und zwar mit Lautsprechern, die für akustische (klassische) Musik optimiert sind. Leider trifft man an Milongas oft auf Kompaktanlagen mit ›bassoptimierten‹ Wumm-Lautsprechern, die für akustische Musik wenig geeignet sind.
Ich gebe es zu – auch ich dachte mal, dass es bei dieser “alten Knistermusik“ eine hochwertige Wiedergabekette nicht unbedingt nötig sei… Aber ich habe erkannt, dass das Gegenteil der Fall ist.
Das wichtigste Beurteilungsinstrument sind die beiden Muscheln, die seitlich an unserem Kopf angebracht sind. Letzten Endes muss unser Gehör über Gut und weniger Gut entscheiden, und nicht Behauptungen wie »meine Anlage ist grösser und teurer als deine, und somit besser«. Auch (mechanistische) Frequenzgangmessungen helfen nicht wirklich weiter, weil das Ohr komplexer wahrnimmt und genauer ist als die einfache, weil eindimensionale Frequenzgangmessung. Anders gesagt: eine blosse Frequenzgangmessung ist definitiv nicht ausreichend hinsichtlich der Qualität einer Aufnahme. Die Qualität setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen.
Als Gedankenanstoss: »Die Wissenschaft fischt im Ozean der Erscheinungen mit einem Netz, das eine Maschenbreite von 4 cm hat – und verkündet dann voller Überzeugung (je mehr Messungen und je grösser und teurer die Geräte, desto unerschütterlicher die Überzeugung), dass es im Ozean keine Fische kleiner als vier Zentimeter gäbe…« **
Ich bin der Meinung, dass nur unser Gehör über einen guten Klang entscheiden kann – technisch-mechanistische Messwerte können nur unterstützend helfen.
Bei der Digitalisierung (Überspielung auf CD) sind mehrere Fehler gemacht worden, wie die bereits erwähnten nachträglichen "Verschlimmbesserungen" mit Hall, Pseudostereo (meistens Kanalverschiebung) und anderen grauslichen Raumklangeffekten. Hier gibt es ein grosses Korrekturpotential. Mit neuer Technik und guten Schellackplatten ist einiges machbar. Aber leider sind viele der wertvollen Masters in Argentinien bei RCA in den 60er Jahren vernichtet worden. Die lobenswerte Initiative von TangoTunes und TangoTimeTravel muss leider oft auf bespielte Schelllackplatten in verschiedenen Stadien der Abnutzung zurückgreifen.
Wir sollten einige Hindernisse beachten.
– Der Mensch hat kein Gedächtnis für Klänge. Du kannst nicht in einem Laden einen Lautsprecher hören und dieses Klangbild in deinem Kopf abspeichern, dann in den nächsten Laden gehen und das Klangbild dieses Lautsprechers mit dem vorher gehörten vergleichen. Das funktioniert nur in direktem Vergleich.
– Wer die Wiedergabequalität eines Lautsprechers bzw. einer akustischen Aufnahme beurteilen will, sollte wissen, wie z.B. eine Oboe, ein Fagott, ein Englischhorn (alles Rohrblatt-Instrumente) in Wirklichkeit tönen. Das setzt voraus, dass man akustische Instrumente immer wieder mal in Natura (und unverstärkt) hört. Wenn Leute, die zu 90 oder mehr Prozent nur elektronische (elektronisch verstärkte) Musik hören, bei der Lautsprecherwahl bassbetonende Wummerkisten bevorzugen, ist das nicht verwunderlich.
– Dann gibt es "psychologische" Komponenten. Untersuchungen haben wiederholt gezeigt, dass Käufer unbewusst fast immer die lauteren Lautsprecher bevorzugen. Deswegen ist es wichtig, dass in einem seriösen A-B-Vergleich die Klangpegel genau angepasst werden.
Nehmen wir an, Du hast eine gute Anlage gefunden, die die akustischen Instrumente klar und differenziert widergeben. Die nächsten Frage wäre: Was schicken wir an Verstärker und Schallwandler – mp3 oder Vollformat? Auch diese Diskussion ist nicht neu. Ich muss zugeben, dass es für mich einen Lernprozess gegeben hat.
Christian Tobler war hier in der Schweiz m.W. der erste, der sich mit dem Problemkreis der Klangqualität ausführlich auseinandergesetzt hat. CT hat mich in dieser Hinsicht sensibilisiert, und da meine Ohren nicht geschädigt sind, konnte ich den Unterschied wahrnehmen – als Konsequenz habe ich meine Tango-Bibliothek auf Vollformat umgestellt. Seitdem bin ich auf der Suche nach der jeweils bestklingenden Version eines Stückes.
Ist der Umstand, dass manche Leute den Unterschied nicht hören (können), ein Beweis, dass es die Unterschiede nicht gibt? Ist der Umstand, dass jemand nie Fieber hatte, ein Beweis dafür, dass es Fieber nicht gibt? Wer jahrelang Gin und harten Whiskey säuft, hat vermutlich kaum noch das Sensorium, um die Feinheiten eines guten Rotweines zu würdigen. Wenn starke Raucher mit ihrem eingeschränkten Sensorium, sagen wir, eine Trüffel-Note aus einer Sosse nicht (mehr) herausschmecken können, heisst das dann, dass es diese Trüffel-Note nicht gibt? Übrigens – vor vielen Jahren in einer Audio-Fachzeitschrift gelesen – starkes Rauchen beeinträchtigt auch das Gehör.
Man nehme a) eine CD. Die erste kleine Schwierigkeit: Es braucht eine Aufnahme mit einer guten 1:1-Überspielung von Schellack, also ohne nachträglich dazugemixte Künstlichkeiten wie Raumklang und Hall. Auch sind die nachträglichen Überspielungen von Schallplatte (LP) auf CD wenig geeignet. Sie wurden zuerst auf Tonband transferiert, dadurch kam ein weiteres Geräuschstörspektrum hinzu. Ich schlage zum Beispiel die Odeon-Aufnahmen von Troilo 1938 (Comme il faut und Tinta verde) vor, die gibt es in einer überraschend guten Qualität. In Sammlerkreisen werden auch die japanischen Transfers auf CD hoch geschätzt, weil sie trocken und ohne Kinkerlitzchen überspielt wurden (Akihito Baba und andere).
b) die Musik samplen, zum Vergleich im Vollformat und im mp3-Format abspeichern. (Wenn Du willst, auch mit 128 kbit/s und weniger. Dann wird das Ohr schneller hellhöriger, wo die Reduktionen stattfinden.)
c) gute Kopfhörer. Kopfhörer haben den Vorteil, dass sie deutlich weniger kosten als Lautsprecher mit vergleichbarer Klangqualität. Mit hochwertigen Lautsprechern geht das sicher auch, aber dafür haben viele nicht das nötige Kleingeld.
d) zum Schluss der direkte Vergleich. Auch hier sollten die beiden Aufnahmen mit gleichem Pegel und synchron ablaufen, so dass Du von einer Aufnahme zur anderen umschalten kannst, ohne dass das eine Stück stoppt. Mit dem Programm QuickTime bis Version 7 geht das gut (danach nicht mehr). Auch mit Audacity ginge es, aber da muss man sich schon deutlich besser auskennen und mehr herumklicken.
Es würde mich wundern, wenn Du keinen Unterschied hörst zwischen Vollformat und mp3 128kbit/s. **
Eine kleine Nachbemerkung: Es geht mir nicht darum, mp3 (und andere Codecs wie Ogg Vorbis) grundsätzlich schlecht zu reden. Sie haben einen wichtigen Beitrag geleistet, um das System der Musikverteilung demokratischer zu machen. Auch weniger bekannte Künstler abseits grosser Labels haben so die Chance, mit ihrer Musik die Leute zu erreichen.
Sicher nicht. Hier ein informativer → Link mit ausführlichen Betrachtungen zu diesem Thema, mit der Aussage:
»…dass der CODEC beim Wiedergeben zwar ein für die bewusste Wahrnehmung des Menschen möglichst ähnlich erscheinendes Bild- oder Tonsignal rekonstruieren kann, das jedoch nicht dem Original entspricht.«
Aus dieser Abhandlung eine weitere bedenkenswerte Aussage: »Mögliche Konsequenzen der Dejustierung durch intensiven Konsum datenreduzierten Tonmaterials könnten daher Ohrgeräusche (Tinnitus), eine allgemeine Verschlechterung der Wahrnehmung leiser Geräusche, sowie eine verschlechterte Klangfarbenwahrnehmung (ein sog. "Blechohr") sein. (…) Einige Hörer von MP3-Musik berichten z.B. den Eindruck zu haben, dass sie nach längerem Hören von MP3 dessen typische Klangfehler (sog. Artefakte) auch in unreduzierter Musik wahrzunehmen beginnen, was darauf hindeutet, dass es das Gehör so dejustiert, dass datenreduzierte und unreduzierte Klänge auf die gleiche Weise falsch zu klingen beginnen, während das Gehör verlernt den Unterschied zu erkennen.«
Auch wenn ich wegen der immer sich weiter ausbreitenden Datenreduktion durch die fortschreitende Digitalisierung der Tonübertragung dennoch nicht ein Volk von hörgeschädigten Menschen befürchte, so hat mich die Abhandlung des Verfassers doch nachdenklich gemacht.
Teils – teils, aber eher nein. In einem Tangoforum in der Schweiz konnte man vor ein paar Jahren → in einem Interview mit der DJane Bärbel Rücker die Behauptung lesen, dass ›man erst ab 128 kbit‹ Samplingfrequenz (bzw. darunter) einen Unterschied hören würde. »Bei dem letzten DJ-Seminar in England konnten Paul und ich zeigen, dass man erst bei den komprimierten Formaten (mp3) unterhalb von 128 kbit einen Unterschied hören konnte. (..) Ich empfinde Aussagen, wie „es muss immer das FLAC oder WAV Format sein“ eher als technisches Geplänkel oder eine gute Verkaufsstrategie.« – Na ja, wenn man es nicht hören kann oder will…
Eigentlich wäre es bei massiv gefallenen Festplattenpreisen für die Tango-DJs eigentlich nur logisch, zum Vollformat zurückzukehren, nicht wahr? Aber mittlerweile hat der technische “Fortschritt“ mit der Blauzahn (Bluetooth)-Technologie den Bequemen die kabellose Datenübertragung beschert.
In heutigen Zeiten kann man auf Milongas treffen, wo datenreduzierte Musik vom eierPhone oder Handy kommt – und als Schallquelle gibt es nicht mehr als ein Bluetooth-Quaak-Lautsprecherchen. Das ist kein Witz – das habe ich in S. tatsächlich erlebt.
Nachtrag: Die neueste Version des Tango-DJings ist ohne Computer oder CDs mit Apple-Music – die Tandas werden via Handy und Internet abgespielt, wobei irgendwelche Versionen von irgendwelchen CDs zu hören sind. Eine eigene Musikbibliothek mit wertvollen Anmerkungen und den klanglich besten Versionen – das ist nicht so wichtig… Kaum zu glauben, aber trotzdem wahr.
Ich sitze irgendwo in einem Café, lese ein schönes Buch oder hänge meinen Gedanken nach. Irgendwo stellt jemand sein SM-artphone an, und aus dem Lautsprecherlein plärren Geräusche, die entfernte Ähnlichkeit mit Musik haben. Dieses Geplärre stresst mich jedes Mal, und nicht nur ‘ein bisschen‘. Das ist auch der Fall, wenn das Getröte weiter weg und nicht allzu laut ist.
Warum reagiere ich so stark darauf?
Ich möchte auf die Bücher von → Joachim Ernst Behrendt hinweisen. (Die bekanntesten: Das Dritte Ohr und Nada Brahma - Die Welt ist Klang). Er zeigt auf, wie unendlich wichtig dieser Sinn für uns Menschen ist.
Eine nachvollziehbare Erklärung: Das menschliche Gehör ist um Faktoren genauer als das Sehen und war jahrtausendelang ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Sinn, um Gefahren in der Umgebung anzuzeigen. Ein Knacksen inmitten der Nacht, ein unbekanntes Geräusch? Aus welcher Richtung kommt es, wie viele Meter ist es entfernt, wie viele Wesen könnten es sein? All das kann uns unser Hören vermitteln. Wir sind (unbewusst) darauf getrimmt, bei akustischen Anomalien Adrenalin auszuschütten und entsprechend zu reagieren. Die Menschen in den Industrienationen sind gegenüber seltsamen Geräuschen abgestumpft, aber wir reagieren immer noch, auch wenn es unbewusst sein mag, unwillkürlich mit Unruhe und Anspannung auf solch akustische Anomalien. Wenn der Mensch in seiner Nähe etwas ausserhalb des normalen Geräuschspektrums hört, löst es unwillkürlich Unbehagen aus. Deshalb ist dieses Geplärre aus SM-artphone-Lautsprecherlein mehr als nur eine akustische Umweltbelastung. Es hat für mich etwas zutiefst Irritierendes, und ich kann es nicht ausblenden. Leider geschehen diese Rücksichtslosigkeiten mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones immer öfters.
Nach dem hier Gesagten sollte es nachvollziehbar sein: die Beobachtung ist – auch wenn man es nicht wirklich ‘beweisen‘ kann: Bei einer Milonga mit Musik im Vollformat und guter Klangqualität tanzen die Leute entspannter, weil Gehör und Gehirn sich weniger anstrengen müssen. Auch das trägt zu einer guten Milonga bei.
Michael KI im Oktober 2026. Eine erste Fassung erschien im Juli 2020
– aus dem Wikipedia-Artikel: »Dennoch konnten in einem Hörtest des c’t-Magazins gewisse Musikstücke, selbst bei 256 kBit/s, von CD-Qualität unterschieden werden.« Interessant ist, dass Menschen mit “abnormen Gehör“ (z.B. mit Hörschäden) die Unterschiede deutlicher erkennen.
– Aus dem Buch von Manuel G. Weith »Zen oder Keine Kunst ein Motorrad zu warten« (2. Auflage 2024, xlibri-Verlag) Ein empfehlenswertes Buch mit vielen guten Gedanken, das sich grundsätzlich mit der Frage des naturwissenschaftlichen Materialismus und der Frage nach der wirklichen Qualität im Sinne von Güte und Niveau auseinandersetzt.
»Qualität ist für jeden erfahrbar. Qualität ist das, was das Leben erst lebenswert macht.« An anderer Stelle: »Die moderne Naturwissenschaft ist eine Wissenschaft der Zahlen. Ihre Grundlage ist das systematisch reproduzierbare Experiment und die ›Messbarkeit‹. Ihre Grundlage ist die Quantität – und damit der Verlust der Qualität. … Die Naturwissenschaft ist blind gegenüber Qualitäten. Die Vielfalt des Lebens wird in der Naturwissenschaft zu messbaren Grössen, zu Zahlen reduziert. … Jede ›Qualität‹ wird zu einer Zahl, jede Messung kann zu einem Zeigerausschlag umgewandelt werden. Der Zeigerausschlag kann von einem Blinden mit Hilfe des Tastsinns abgetastet werden. … die Qualität verschwindet mit der Mathematisierung der Objekte.«